Auf Herz und Nieren| 05.11.2026

Schmerzsprechstunde Anästhesie – wenn Schmerz zum ständigen Begleiter wird

Fast die Hälfte der Schweizer Bevölkerung leidet an chronischen Schmerzen. Worauf man achten muss, damit Schmerzen sich nicht chronifizieren, und was man unternehmen kann, falls dies doch geschieht.

Ambulante Schmerzsprechstunde, Spital Limmattal
von Dr. med. Boris Schoch-Dalla Rosa

In unserer Schmerzsprechstunde begleiten wir Menschen mit chronischen Schmerzen auf ihrem Weg zu einer besseren Lebensqualität. Dabei verstehen wir Schmerz nicht nur als körperliches Symptom, sondern als komplexes Zusammenspiel biologischer, psychischer und sozialer Faktoren. Entsprechend stehen nicht allein die Schmerzen selbst im Mittelpunkt, sondern der Mensch in seiner gesamten Lebenssituation.

Chronische Schmerzen …
Schmerzen gehören zu den häufigsten Gründen für eine ärztliche Konsultation. Während akute Schmerzen eine wichtige Warnfunktion erfüllen und in der Regel mit der Heilung wieder abklingen, können chronische Schmerzen zu einer eigenständigen Erkrankung werden.

Wie häufig chronische Schmerzen auftreten, zeigt eine 2024 publizierte Studie des Universitätsspitals Lausanne: Rund 44 Prozent der erwachsenen Bevölkerung in der Schweiz berichten über chronische Schmerzen, etwa 11 Prozent
leiden unter mittelschweren bis starken Beschwerden. Trotz ihrer weiten Verbreitung werden chronische Schmerzen noch immer häufig nicht ausreichend erkannt oder behandelt. Für die Betroffenen können sie den Alltag über Monate oder Jahre hinweg erheblich beeinträchtigen und sich negativ auf Schlaf, Familie und Beruf auswirken.

Viele unserer Patientinnen und Patienten haben bereits zahlreiche Untersuchungen, Therapieversuche oder operative Eingriffe hinter sich. Häufig besteht der Wunsch nach einer klaren Erklärung der Beschwerden und einer wirksamen Behandlung. Auch wenn eine vollständige Schmerzfreiheit nicht immer erreichbar ist, lassen sich in vielen Fällen Schmerzen reduzieren, die körperlichen Funktionen verbessern und neue Handlungsspielräume
im Alltag schaffen.

Bio-psycho-sozialaes Schmerzmodell (Abb. oben)


… und ihre Behandlung 
Unsere Behandlung erfolgt nach den Grundsätzen der modernen multimodalen Schmerzmedizin. Uns ist es wichtig, die Beschwerden nicht nur zu behandeln, sondern den Menschen als Ganzes in den Fokus zu rücken. Deshalb entiwckeln wir gemeinsam mit unseren Patientinnen und Patienten ein individuelles Behandlungskonzept, das sich an ihren Beschwerden, ihren persönlichen Zielen und ihrer Lebenssituation orientiert.

Je nach Ursache und Ausprägung der Schmerzen setzen wir verschiedene therapeutische Verfahren ein. Dazu gehören die Optimierung der medikamentösen Behandlung, schmerzmodulierende Infusionsbehandlungen sowie
interventionelle Verfahren wie Nervenund Faszienblockaden. Diese können sowohl zur Schmerzlinderung als auch zur Diagnosestellung beitragen und helfen uns, die Behandlung gezielt auf die jeweilige Schmerzsituation abzustimmen.

Ein besonderer Schwerpunkt unserer Sprechstunde ist die Überprüfung und gegebenenfalls Anpassung bestehender Opioidtherapien. Bei Patientinnen und Patienten mit einer langfristigen Opioideinnahme begleiten wir eine schrittweise ambulante Dosisreduktion oder Umstellung, falls diese sinnvoll ist.

Dadurch lassen sich Nebenwirkungen häufig reduzieren und die körperliche Leistungsfähigkeit verbessern. Für ausgewählte neuropathische Schmerzsyndrome bieten wir zudem die Behandlung mit dem sogenannten Qutenza-Pflaster mit hochdosiertem Capsaicin – einem aus Chilischoten gewonnenen Wirkstoff – als wirksame lokale Therapieoption an. Die Behandlung chronischer Schmerzen erfordert häufig einen interdisziplinären Ansatz. Die Schmerztherapie erfolgt daher je nach Indikation in enger Zusammenarbeit mit den zuweisenden Ärztinnen und Ärzten sowie weiteren Fachpersonen, beispielsweise der Physiotherapie, Psychotherapie oder Hypnosetherapie.
Die Schmerztherapie stellt dabei oft einen wichtigen Baustein innerhalb eines ganzheitlichen Behandlungskonzepts dar und wird individuell auf die Bedürfnisse der Patientinnen und Patienten abgestimmt.

Unser Ziel ist es, die Schmerzen nachhaltig zu lindern, die Lebensqualität zu verbessern und unsere Patientinnen und Patienten dabei zu unterstützen, ihren Alltag möglichst selbstständig und aktiv zu gestalten.

Chronischen Schmerzen vorbeugen - Praktische Tipps für den Alltag

  • Aktiv bleiben
  • Aktiv bleiben

    Nach einer Verletzung oder Operation sollten Sie sich möglichst früh wieder regelmässig bewegen – angepasst an Ihre Beschwerden. Zu lange Schonung kann die Erholung verzögern und
    Schmerzen verstärken.

  • Schmerzen früh behandeln
  • Schmerzen früh behandeln

    Akute Schmerzen sollten ausreichend behandelt werden. Eine wirksame Schmerztherapie kann dazu beitragen, einer langfristigen Schmerzentwicklung vorzubeugen.

  • Stress reduzieren
  • Stress reduzieren

    Schlafmangel und anhaltender Stress können Schmerzen verstärken. Achten Sie auf ausreichend Erholung und integrieren Sie Entspannungsphasen.

  • Realistische Ziele setzen
  • Realistische Ziele setzen

    Nicht vollständige Schmerzfreiheit, sondern eine schrittweise Verbesserung von Bewegung, Alltagsaktivitäten und Lebensqualität sollte zunächst im Vordergrund stehen.

  • Frühzeitig Unterstützung suchen
  • Frühzeitig Unterstützung suchen

    Wenn Schmerzen länger als einige Wochen bestehen oder Ihren Alltag deutlich einschränken, sollte eine ärztliche Abklärung erfolgen. Eine frühzeitige Behandlung verbessert die
    Chancen, eine Chronifizierung zu verhindern.

Perioperative Betreuung bei chronischen Schmerzen
Ein besonderer Schwerpunkt unseres Spitals liegt auf der perioperativen Betreuung von Patientinnen und Patienten mit chronischen Schmerzen. «Perioperativ» bedeutet soviel wie «vor, während und nach dem operativen
Eingriff».

Bereits im Rahmen der anästhesiologischen Prämedikationssprechstunde werden schmerzmedizinisch relevante Aspekte systematisch erfasst und in die perioperative Planung miteinbezogen. Das Anästhesieverfahren sowie das
perioperative Schmerzmanagement werden individuell an die bestehende Schmerzerkrankung und die zu erwartende postoperative Schmerzintensität angepasst.

Nach dem Eingriff erfolgt bei Bedarf eine Mitbetreuung durch den schmerzmedizinischen Dienst, um eine adäquate postoperative Analgesie sicherzustellen, bestehende Schmerztherapien zu optimieren und Komplikationen, wie eine Schmerzexazerbation oder einen erhöhten Opioidbedarf, frühzeitig zu erkennen und zu behandeln. Bei anhaltendem oder komplexem Schmerzverlauf werden die Patientinnen und Patienten nach dem Spitalaufenthalt in der Schmerzsprechstunde nachkontrolliert und bei Bedarf in ein längerfristiges interdisziplinäres Behandlungskonzept eingebunden. Ziel dieses strukturierten Behandlungspfades ist eine kontinuierliche, patientenzentrierte Versorgung
über den gesamten perioperativen Verlauf hinweg.

Ketamintherapie bei chronischen Schmerzen
Ketamin ist ein seit Jahrzehnten etabliertes Anästhetikum. In niedriger Dosierung besitzt es zusätzlich schmerzmodulierende Eigenschaften und kann insbesondere bei chronischen neuropathischen (= die Nerven betreffenden)
Schmerzen sowie zentralen Sensibilisierungsprozessen wirksam sein. Seine Wirkung beruht hauptsächlich auf der Blockade von N-Methyl-D-Aspartat-(NMDA)-Rezeptoren, wodurch eine zentrale Schmerzverstärkung abgeschwächt und die Schmerzverarbeitung günstig beeinflusst werden kann. In der Schmerzmedizin wird Ketamin daher als ergänzende Therapie bei ausgewählten Patientinnen und Patienten mit therapierefraktären chronischen Schmerzsyndromen eingesetzt.

Vor Beginn der Therapie erfolgt eine ausführliche schmerzmedizinische Abklärung mit sorgfältiger Indikationsstellung sowie einer umfassenden Aufklärung über den erwarteten Nutzen, mögliche Risiken und Kontraindikationen.
Die Behandlung wird ambulant durchgeführt. Ketamin wird als niedrig dosierte intravenöse Infusion unter kontinuierlicher Überwachung von Blutdruck, Herzfrequenz, Sauerstoffsättigung und Allgemeinzustand verabreicht.
Während und nach der Infusion werden die Patientinnen und Patienten engmaschig betreut, um Wirksamkeit und Verträglichkeit zu beurteilen.

Je nach Ansprechen auf die schmerztherapeutischen Massnahmen umfasst die gesamte Therapie mehrere Infusionen in individuell festgelegten Abständen. Der Behandlungserfolg wird regelmässig anhand der Schmerzintensität,
der funktionellen Einschränkungen sowie der Lebensqualität evaluiert. Die Ketamintherapie ist Bestandteil eines multimodalen schmerztherapeutischen Behandlungskonzepts und wird mit weiteren medikamentösen und nichtmedikamentösen Behandlungsverfahren kombiniert.

Unser Team der Schmerzsprechstunde Anästhesie

Autor
Dr. med. Boris Schoch-Dalla Rosa
Leiter Schmerzsprechstunde


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