Rund um die Geburt im LIMMI
Rund tausend Paare begleitet das Team der Geburtenabteilung im Spital Limmattal jährlich durch Schwangerschaft, Geburt und Wochenbett. Ein Gespräch über Herausforderungen und Freuden rund um einen einzigartigen Moment.

Interview: Flavian Cajacob
Kurzer Stopp im «Stübli», dem Pausenraum der Geburtenabteilung des Spitals Limmattal. Von allen Seiten strömen die Mitarbeitenden ins Zimmer. Kaffee rauslassen, Durchatmen, Austauschen. «Alles klar?», erkundigt sich Cornelia Hahn, Leitende Ärztin Frauenklinik, bei ihren Kolleginnen. Vesna Markovic, Gesamtleiterin Pflege Frauenklinik, und Mirjam Beutler, stellvertretende Leiterin Geburtenabteilung, nicken: «So weit alles in Ordnung!»
«Gut gegangen?», so lautet die erste Frage, wenn Eltern die Geburt ihres Kindes verkünden, unmittelbar gefolgt von «Was ist es?».
Wann ist für Sie als Verantwortliche der Geburtenabteilung im wahrsten Sinne des Wortes «alles gut gegangen»?
Mirjam Beutler (MB): Da brauche ich nicht lange zu überlegen. Für mich stellt sich diese Gewissheit immer dann ein, wenn das frischgeborene Baby zufrieden auf der Brust seiner Mutter liegt, alle, auch der Vater, erleichtert und gesund sind, und ich sagen kann: «Also, ich lasse Sie und Ihre kleine Familie jetzt einmal für eine Viertelstunde alleine.»
Ein besonderer Moment für alle also.
Vesna Markovic (VM): Das kann man sicher so sagen. Eine Geburt ist per se ein besonderer Moment, verbunden mit einer Vielzahl an Emotionen. Schmerzen, Ängste, Erleichterung, Freude, Glück, Dankbarkeit – die ganze Palette von Gefühlen spielt da mit. Wenn es «gut gegangen» ist, dann kann man das förmlich spüren, auch Stunden nach der Geburt noch.
Cornelia Hahn (CH): Das erlebe ich auch so. Der Blick der Eltern, wenn das Baby endlich da ist, das ist ein magischer Moment. Wie Vater und Mutter ihr Kind in den ersten Minuten nach der Geburt anschauen, sagt sehr viel über die Bande aus, die in dem Moment geknüpft werden. Das ist für mich eigentlich der schönste Moment und meist auch der Beleg dafür, dass «alles gut gegangen» ist.
Bevor wir nun allzu sehr ins Schwärmen geraten, eine ganz nüchterne Frage: Inwiefern unterscheidet sich der Betrieb in der Geburtenabteilung vom Geschehen am übrigen Spital?
VM: Der Betrieb der Geburtenabteilung unterscheidet sich durch sehr starke Schwankungen und viel Ungeplantes vom übrigen Spitalalltag. Daher ist die personelle Planung besonders herausfordernd, und es braucht immer genug Personal sowie Flexibilität, um kurzfristig auf Veränderungen reagieren zu können. Gleichzeitig ist die Geburtshilfe ein sehr spezielles und eigenständiges Fachgebiet, das besondere Fachkenntnisse und Erfahrung erfordert.
MB: Die Emotionen und die Intimität: Diese zwei Faktoren sind bei uns schon sehr stark ausgeprägt. Und dann ist da natürlich noch unsere ständige Begleiterin, die Unvorhersehbarkeit Das gilt grundsätzlich für den gesamten Spitalbetrieb, aber ich denke, bei uns geht die Schere zwischen Zufall und Planbarkeit noch etwas weiter auf. Wenn ich am Morgen zur Arbeit komme, weiss ich nie, was mich erwartet. Es kann sein, dass die Geburtenabteilung in diesem Moment vollkommen leer und zwei Stunden später bereits rappelvoll ist.
«Die Emotionen und die Intimität: Diese zwei Faktoren sind bei uns schon sehr stark ausgeprägt. Und dann ist da natürlich noch unsere ständige Begleiterin, die Unvorhersehbarkeit.»
Mirjam Beutler, Stellvertretende Leiterin Geburtenabteilung
Letzteres vor allem bei Vollmond, oder?
CH: Dass bei Vollmond mehr Kinder auf die Welt kommen, entspricht einem Mythos, kaum der Wirklichkeit. Ganz generelle Wetterwechsel hingegen können zu einem vorzeitigen Blasensprung führen, Wehen auslösen und den Geburtsbeginn einläuten.
Und an welchen Tagen, in welchen Wochen und Monaten kommen am meisten Kinder zur Welt?
VM: Da gibt es zumindest bei uns am Spital Limmattal keinen eindeutigen Spitzenreiter. Am wenigsten an Samstag und Sonntagen, wenn wir in der Regel keine geplanten Kaiserschnitte anberaumen, ansonsten ist kein Trend zu erkennen. Was man aber schon sagen kann: Am meisten Kinder erblicken im Spätsommer und Frühherbst das Licht der Welt. Und das nicht nur im LIMMI.
Statistiken führen aus, dass Mütter ihr erstes Kind immer später bekommen. Lag das Alter von Frauen bei der Erstgeburt 1970 in der Schweiz durchschnittlich bei 25 Jahren, liegt es heute bei über 31 Jahren. Was bedeutet dies für Sie in der Spitalpraxis?
CH: Gute Frage. Sagen wir es so: Eine Frau Mitte 30 hat schon ein schönes Stück auf ihrem Lebensweg zurückgelegt, blickt auf ein Vorleben zurück, die Schwangerschaft ist meist ein ganz bewusster Entscheid, nachdem man vielleicht bereits ein paar Jahre mit dem Partner oder der Partnerin zusammen gewesen ist. Ein Kind zu bekommen, geniesst heute sowieso einen anderen Stellenwert in der Gesellschaft, als es vielleicht noch vor dreissig, vierzig oder gar hundert Jahren der Fall war. Denken wir nur einmal an die Anzahl Kinder; aber auch die Rolle des Vaters ist eine ganz andere. Gleichzeitig gehen Schwangerschaften in einem gewissen Alter mit Begleiterscheinungen einher, was die eigene Gesundheit anbelangt.
Zum Beispiel?
CH: Schwangerschaftsdiabetes oder Chromosomenstörungen treten bei älteren Schwangeren häufiger auf als bei jüngeren. Übergewicht, Rauchen, Bluthochdruck oder Diabetes erhöhen das Risiko zusätzlich – dies jedoch unabhängig vom Alter.
Cornelia Hahn, Leitende Ärztin Frauenklinik
Sprechen wir hier von Risikoschwangerschaften?
MB: «Risikoschwangerschaft» heisst nicht zwangsläufig, dass etwas schiefgehen muss, das möchten wir an dieser Stelle klar betonen. Der Begriff deutet vielmehr darauf hin, dass eine Schwangerschaft durch Ärztin, Arzt und Geburtshilfe noch enger begleitet und kontrolliert wird. Beispielsweise mit einem zusätzlichen Ultraschall und Bluttests. In der Regel gehen wir aber auch in schwierigeren Fällen davon aus, dass die Frau ein gesundes Kind gebärt.
«Dass bei Vollmond mehr Kinder auf die Welt kommen, entspricht einem Mythos, kaum der Wirklichkeit.»
Wir leben allgemein in einer Gesellschaft, die sich selbst optimiert und Eventualitäten nicht gerne zulässt. Wie wirkt sich das auf Ihren Arbeitsalltag aus?
MB: Das Bedürfnis, alles zu jedem Zeitpunkt unter Kontrolle zu haben, ist weitverbreitet. Das erleben wir täglich auch bei uns. Zieht sich eine Geburt zehn oder zwölf Stunden in die Länge, werden wir von der werdenden Mutter schon mal gefragt, ob das «noch normal» sei. Manche Frauen fühlen sich verunsichert, wenn etwas nicht nach ihren Vorstellungen oder Plänen vonstatten geht. Der Wunsch nach absoluter Kontrolle macht es in solchen Momenten schwieriger. Dabei wäre es unglaublich wichtig, sich damit anzufreunden, dass nicht alles in der eigenen Macht steht, gerade, wenn die Natur ihre Finger im Spiel hat.
Was in der Theorie einfach gesagt, in der Praxis indes wohl schwieriger umzusetzen ist …
MB: Da haben Sie sicherlich recht. Meiner Erfahrung nach kommt es aber meist viel besser, wenn «frau» es – lapidar ausgedrückt – einfach geschehen lässt. Wir tun auf jeden Fall unser Möglichstes, damit die werdenden Mütter sich gut aufgehoben und betreut fühlen, von der Beratung über die Geburt bis hin zur anschliessenden Betreuung.
Sie sprechen immer wieder von «wir», also in der Mehrzahl: Wie wichtig ist die Teamarbeit auf der Geburtenabteilung?
VM: Sie ist zentral und steht meines Erachtens über allem. Nur dank unserer guten Zusammenarbeit können wir dafür sorgen, dass sich werdende Mütter bei uns geborgen und sicher fühlen. Das gilt sowohl für den fachlichen Austausch untereinander im Team als auch für den menschlichen Umgang miteinander und in Bezug auf die Frauen, die Männer und die Kinder, deren wir uns annehmen dürfen.
CH: Der Teamgedanke, die Kollegialität: Sie wirken sich positiv auf die Stimmung auf der ganzen Geburtenabteilung aus. Das spüren die werdenden Mütter, aber auch die Väter, da bin ich mir hundertprozentig sicher. Eine Geburt ist wie erwähnt kein ausschliesslich medizinischer Akt, sondern ein unglaublich intimer, emotionaler Vorgang.
MB: Ich bin jetzt seit sechs Jahren im LIMMI, Frau Hahn seit 16 und Frau Markovic seit 30 Jahren. Auch wenn wir verschiedene Funktionen einnehmen, pflegen wir eine enge Zusammenarbeit auf Augenhöhe. Ich würde behaupten, dass wir uns inzwischen sehr freundschaftlich verbunden fühlen. Und jede von uns weiss, wie die jeweils andere tickt. Das erleichtert vieles!
Sie haben es angesprochen: Geborgenheit und Sicherheit stehen an erster Stelle. Wie sehr wirken sich diese Gefühle auf eine Geburt aus?
MB: Wie ein Paar die Geburt seines Kindes erlebt, hat einen beträchtlichen Einfluss auf das Familienleben, davon bin ich überzeugt. Natürlich ist eine Geburt, bei der «alles gut» geht und die Betreuung rundum stimmt, kein Garant dafür, dass jetzt alles rosarot und wunderschön wird. Trotzdem denke ich, dass die Weichen dahingehend gestellt sind. Diese psychologischen Aspekte machen einen Grossteil unserer Arbeit aus.
«Nur dank unserer guten Zusammenarbeit können wir dafür sorgen, dass sich werdende Mütter bei uns geborgen und sicher fühlen.»
Inwiefern?
CH: Einerseits vermag eine einfache Geburt den Einstieg ins Familienleben zu erleichtern, andererseits löst eine schwierige Geburt sicherlich Ängste aus, die unter Umständen in den Alltag mitgenommen werden. Aus diesem Grund laden wir die Eltern
nach etwa drei Monaten zu einem Gespräch ins LIMMI ein, im Rahmen dessen alle Beteiligten, also auch Ärztin, Arzt und Hebamme, das Erlebte gemeinsam noch einmal rekapitulieren. All die Fragen, die immer wieder aufkommen, werden beantwortet. Da geht es schon mal darum, Versagensängste zu beseitigen, weil beispielsweise ein Kaiserschnitt durchgeführt werden musste, obwohl die Frau diesen unbedingt vermeiden wollte.
VM: Wir wollen die Frauen und ihre Partner in einem Moment der Verunsicherung abholen. Und die umfassende Dokumentation und das Gespräch helfen, die Dinge klar einzuordnen. Gerade hinsichtlich einer weiteren Schwangerschaft ist das enorm wichtig – und meistens auch sehr willkommen.
Vesna Markovic, Gesamtleiterin Pflege Frauenklinik
Welche Rolle spielt die Beratung vor der Geburt?
CH: Eine zentrale Rolle. Und die Beratung wird immer wichtiger.
Weshalb?
CH: Wir leben bekanntlich in Zeiten, in denen im Internet und in den Social Media so viel Krudes und Unwahres vermittelt wird. Diese Falschinformationen machen auch keinen Halt vor Themen wie Schwangerschaft oder Geburt. Gepostet werden nur
die schlimmen Dinge, die schönen weniger. Häufig ist es dann an uns, den werdenden Müttern klarzumachen, dass es sich bei diesen Horrorgeschichten um Einzelfälle handelt und eine Geburt zwar anstrengend, mit Schmerzen verbunden sein und sich zu einem Marathon entwickeln kann – in der Regel aber gut vonstatten geht, also nicht in ein Notfallszenario mündet …
VM: … für das wir im Falle eines Falles natürlich ohnehin gewappnet wären. Dafür werden wir ausgebildet, solche Szenarien werden regelmässig geübt. Wir verfügen zudem über modernste Technik und angemessene Einrichtungen.
Welche Rolle messen Sie während einer Geburt eigentlich dem werdenden Vater bei?
CH: Die Rolle des Kindsvaters hat sich in den letzten Jahrzehnten grundlegend verändert. Die Zeiten, als die Frau das gemeinsame Kind allein zur Welt brachte, liegen noch gar nicht allzu lange zurück. Heute aber sind die Männer in der Regel bei der
Geburt dabei. Und wir versuchen sie, soweit es Sinn macht, einzubinden: der Partnerin aktiv, aber nicht übermotiviert beizustehen, sie mit Worten und Gesten zu unterstützen, vielleicht einmal den Rücken zu massieren – alles so Dinge also, die in dieser Situation passend sind. Das ist von Fall zu Fall unterschiedlich, individuell. Wir hatten auch schon Männer, die zu ihrer Partnerin in die Badewanne gestiegen sind, um diese bei der Wassergeburt zu unterstützen.
Was wohl auch nicht «jederfraus» Sache ist …
CH: Da mögen Sie recht haben. Aber es zeigt eben auch, wie viele Männer von heute ihre Rolle als Partner und werdende Väter interpretieren. Das gilt es anzuerkennen!
Die Pause ist um, das «Stübli» der Geburtenabteilung des Spitals Limmattal leert sich so schnell, wie es sich kurz zuvor gefüllt hat. Auch Cornelia Hahn, Vesna Markovic und Mirjam Beutler wenden sich wieder ihrer Arbeit zu. Jener, die sie eingeplant haben – und jener, die sie an diesem Tag noch überraschen wird.
Eine letzte Frage also noch.
Die Geburtenabteilung des Spital Limmattal betreut jährlich rund tausend werdende Eltern. Ist angesichts dieser Zahlen für Sie nicht irgendwann auch mal «gut»?
MB: Sie meinen, ob es zu Abnützungserscheinungen kommt, ob der Job seinen Reiz verliert?
Ja, in etwa so.
MB: Überhaupt nicht! Jede Geburt ist wie erwähnt einzigartig. Wir haben eine grosse Verantwortung und geben unser Bestes. Wenn Mutter und Kind wohlauf sind, dann ist das ein unglaublich befriedigendes Gefühl und der grösste Lohn für unsere Arbeit.
CH: Frau Beutler sagt es: Wir sind Teil eines einzigartigen Moments im Leben einer Frau und einer jungen Familie. Eines Moments, der anstrengend ist, manchmal lustig, manchmal herausfordernd, meistens aber mit glücklichem Ausgang. Man kann es eigentlich gar nicht in Worte fassen.
VM: Das sehe ich genauso. Die werdenden Mütter, ihre Partner und Familien, sie vertrauen uns ihr Baby und sich an. Das ist nicht einfach Arbeit. Es ist jedesmal eine Ehre, bei einer Geburt dabeizusein.